Gas über 80 Euro je Megawattstunde: Deutsche Speicher nur zu 59,8 Prozent gefüllt
Der europäische Gaspreis hat am Donnerstag, 8. Oktober, erstmals seit Dezember 2022 die Marke von 80 Euro je Megawattstunde überschritten, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet. Vor Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar hatte Erdgas in Europa weniger als 30 Euro gekostet. Die Bundesnetzagentur meldete am Montag, 12. Oktober, einen Füllstand der deutschen Speicher von 59,8 Prozent oder 146,6 Terawattstunden, deutlich unter den Vergleichswerten vergangener Jahre.
EU-weit sind die Speicher nach Angaben des Verbands der Fernleitungsnetzbetreiber Entsog zu 72 Prozent gefüllt, ein Wert, den die Netzbetreiber laut AFP als „historisch niedrig“ bezeichnen. Das EU-Ziel von 80 Prozent bis Anfang November wird Deutschland nach Einschätzung der Bundesnetzagentur nicht mehr erreichen. Behördenchef Klaus Müller hatte bereits Mitte September im Sender Phoenix erklärt, die 80 Prozent seien technisch fast nicht mehr zu schaffen und nicht realistisch.
Die Ursache liegt in der Preisstruktur. Weil Gas zur sofortigen Lieferung zeitweise teurer war als die Winterkontrakte, lohnte sich das Einspeichern für Händler kaum, wie die Fachzeitschrift ZfK berichtet. Am 30. September wies das Bundeswirtschaftsministerium deshalb das bundeseigene Handelsunternehmen SEFE an, bis zum 15. Dezember zusätzlich acht Terawattstunden Gas zu beschaffen und einzulagern. Gemessen am deutschen Speichervolumen von 248 Terawattstunden entspricht das rund drei Prozentpunkten.
Der Schritt war politisch heikel. Rund zwei Wochen zuvor hatten Ministerium und SEFE eine Weisung noch bestritten, wie ZfK schreibt. Das Ministerium von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche begründete die Entscheidung mit den weiter andauernden geopolitischen Risiken; eine Sprecherin erklärte laut ZfK, der Schritt sei in Absprache mit Bundeskanzler Friedrich Merz erfolgt. Anders als 2022 sollen etwaige Verluste beim Unternehmen bleiben und weder den Bundeshaushalt belasten noch über eine Speicherumlage auf die Verbraucher umgelegt werden. BDEW-Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae nannte die zusätzliche Einspeicherung sinnvoll.
Die Bundesnetzagentur bewertet die Versorgungslage dennoch als stabil. Sie hält das Risiko einer Mangellage für gering und das Erreichen der Füllstandsziele im November für die Versorgungssicherheit nicht für zwingend. Zugleich hält sie es für wahrscheinlich, dass die Speicher zum Winterende relativ leer sein werden. Zwischen dem 3. und 10. Oktober wurden über die deutschen LNG-Terminals 1,8 Terawattstunden eingeführt, bei einer Auslastung von 39,4 Prozent; über Pipelines kamen im selben Zeitraum 16,5 Terawattstunden.
Brüssel mahnt derweil zur Vorsicht. EU-Energiekommissar Dan Jørgensen hat die 27 Energieminister in einem Ende September verschickten Brief aufgefordert, Maßnahmen zur Senkung des Gas- und Stromverbrauchs zu ergreifen oder fortzuführen, wie Eunews unter Berufung auf das Schreiben berichtet. Jørgensen spricht von einer Preiskrise, die mit einer Versorgungskrise verbunden sei, sieht aber keine unmittelbaren Risiken für die Versorgungssicherheit. Der heiße, trockene Sommer habe die Stromsysteme belastet und Gas in die Verstromung gelenkt statt in die Speicher.
Die Bundesregierung geht einen anderen Weg. Das Wirtschaftsministerium plant laut AFP keine zusätzlichen Sparmaßnahmen und verweist darauf, dass die hohen Preise die Nachfrage von selbst dämpfen. Der Grünen-Politiker Michael Kellner kritisierte diese Haltung. Die deutschen Fernleitungsnetzbetreiber warnen laut AFP, dass LNG in einem kalten deutschen Winter allein keine gesicherte Versorgung garantiere; im vergangenen Winter deckte Flüssiggas höchstens 8,5 Prozent des deutschen Bedarfs, während an sehr kalten Tagen mehr als drei Terawattstunden aus den Speichern entnommen wurden.
Für Verbraucher und Unternehmen wirkt der Preisanstieg mit Verzögerung. Die Bundesnetzagentur weist darauf hin, dass die Weitergabe an die Kunden von der Dauer des Nahost-Konflikts, den Beschaffungsstrategien der Versorger und den Vertragsbedingungen abhängt. Haushalte mit Festpreisverträgen dürften höhere Preise laut AFP vor allem im kommenden Jahr spüren.
Zu beobachten sind der Stichtag 1. November, an dem die Vorgaben der Gasspeicherfüllstandsverordnung greifen, die Frist für die SEFE-Einspeicherung am 15. Dezember sowie die noch offene Entscheidung über die Finanzierung einer strategischen Gasreserve ab 2027, für die Reiche nach Angaben von Netz-Trends eine Umlage, Haushaltsmittel oder eine Mischung aus beidem prüft.
Quellen und weiterführende Links
- Bundesnetzagentur – Aktuelle Lage der Gasversorgung (Stand 12.10.2026)
- t-online/AFP – Gaspreise klettern weiter, Alarm in Europa
- ZfK – Gasspeicher: Warum Reiches Kehrtwende so heikel ist
- Eunews – Jørgensen writes to the 27 EU ministers on reducing gas and electricity demand
- Netz-Trends – Gasspeicher bei 58 Prozent: Bund kauft 8 TWh nach


