EZB-Protokoll: Rat stimmte einstimmig für Zinserhöhung auf 2,50 Prozent
Die Europäische Zentralbank hat am 8. Oktober das Protokoll ihrer geldpolitischen Sitzung vom 9. und 10. September veröffentlicht, die in diesem Jahr in Berlin stattfand. Das Dokument bestätigt, dass die zweite Zinserhöhung des Jahres im Rat unumstritten war: Nach Angaben der EZB unterstützten alle Mitglieder den Vorschlag von Chefvolkswirt Philip Lane, die drei Leitzinsen um 25 Basispunkte anzuheben. Der Einlagensatz liegt seit dem 16. September bei 2,50 Prozent, der Hauptrefinanzierungssatz bei 2,65 Prozent und der Spitzenrefinanzierungssatz bei 2,90 Prozent.
Den Ausschlag gab laut Protokoll der Energieschock infolge des Nahostkonflikts, der sich als hartnäckiger erwiesen hat als im Juni angenommen. Die Stabsprojektionen vom September setzen die Inflation im Euroraum für 2026 bei 3,0 Prozent an, für 2027 bei 2,5 Prozent und für 2028 bei 2,1 Prozent; die Werte für 2027 und 2028 wurden nach oben korrigiert. Im vierten Quartal 2026 erwartet der Stab 3,6 Prozent. Die Kerninflation soll über den gesamten Horizont über zwei Prozent bleiben und Ende 2028 noch 2,3 Prozent betragen.
Der Rat sicherte den Schritt gegen Einwände ab: Die Erhöhung sei in allen drei vom Stab gerechneten Szenarien angemessen gewesen, im milden, im ungünstigen und im schweren Fall. Zugleich hielten die Mitglieder fest, dass ein Einlagensatz von 2,50 Prozent weiterhin innerhalb der geschätzten Spanne des neutralen Zinses liege. Die Geldpolitik ist damit nach Lesart der Notenbank noch nicht restriktiv.
Einigkeit über den Beschluss bedeutete nicht Einigkeit in der Lagebeurteilung. Einige Mitglieder argumentierten, der Energieschock sei im Kern politisch verursacht und könne ebenso schnell abklingen, wie er gekommen sei; eine Beilegung des Nahostkonflikts noch in diesem Herbst wurde ausdrücklich als Möglichkeit genannt. Andere verwiesen auf niedrige Gasspeicherstände, auf Raffineriemargen für Diesel, die laut Protokoll bei mehr als 70 Dollar je Barrel lagen, und auf die Gefahr eines kalten Winters. Alle Mitglieder sahen die Inflationsrisiken jedoch nach oben gerichtet.
Entlastend wirkte, dass sich der Preisschub bislang nicht in die Breite ausgedehnt hat. Die Kernrate im Euroraum sank im August auf 2,4 Prozent, das Arbeitnehmerentgelt je Kopf wuchs im zweiten Quartal um 3,3 Prozent nach 3,5 Prozent im Vorquartal, und der Lohn-Tracker der EZB deutet für das erste Halbjahr 2027 auf einen moderaten Anstieg der Tariflöhne auf 2,7 Prozent hin. Zweitrundeneffekte über die Löhne seien bisher nicht zu beobachten, so das Protokoll, auch wenn mehrere Mitglieder vor Selbstzufriedenheit warnten.
Aufschlussreich ist die Diskrepanz zwischen Marktpreisen und Umfragen. Die Terminmärkte preisten zum Sitzungszeitpunkt eine Straffung von rund 84 Basispunkten bis Ende 2027 ein, nach 64 Basispunkten im Juli. Die von der EZB befragten Geldmarktanalysten sowie die Umfragen von Bloomberg und Reuters sahen den Einlagensatz dagegen nach dem Septemberschritt auf einem Plateau von 2,50 Prozent. Der Rat führte den Unterschied teilweise auf Risikoprämien zurück.
Auch die Anleihemärkte spielten hinein. Die Renditen am langen Ende waren seit der Julisitzung gestiegen, getrieben vor allem von höheren realen Laufzeitprämien. Sofern diese Bewegung geordnet bleibe, unterstütze sie den geldpolitischen Kurs und könne Folgen für die künftig angemessenen Leitzinsen haben, heißt es im Protokoll. Hinzu kam der Hinweis, dass die Investitionen in künstliche Intelligenz im Euroraum stark kreditfinanziert und damit zinsempfindlich seien.
In der Kommunikation legte sich der Rat auf eine bewusst neutrale Linie fest. Weder solle der Eindruck entstehen, der Schritt sei Teil eines vorgezeichneten Straffungszyklus, noch dass es die letzte Erhöhung gewesen sei. Angesichts der hohen Unsicherheit sei es besonders wichtig, keine Hinweise auf den künftigen Zinspfad zu geben und sich für alle kommenden Sitzungen vollen Spielraum zu bewahren.
Der nächste geldpolitische Termin ist für den 28. und 29. Oktober in Frankfurt angesetzt; neue Stabsprojektionen gibt es erst am 17. Dezember. Bis dahin liegen weitere Preisdaten vor: Das Statistische Bundesamt veröffentlicht am 13. Oktober die endgültige Inflationsrate für September, Eurostat folgt am 16. Oktober für den Euroraum. Entscheidend für die Debatte im Rat dürfte sein, ob sich die im Protokoll beschriebene Entkopplung von Energiepreisen und Kerninflation in den Herbstdaten fortsetzt.
