Der Kapitalkurier
Märkte. Ideen. Ein besseres Morgen.
Der Kapitalkurierkapitalkurier.de
Börse

Bundrendite bei 3,50 Prozent: Warum das lange Ende der Zinskurve die Börse dominiert

Zehnjährige Bundesanleihen rentieren laut Bundesbank mit 3,50 Prozent, 59 Basispunkte mehr als zu Jahresbeginn. Die EZB führt den Anstieg am langen Ende vor allem auf reale Laufzeitprämien zurück, während Frankreichs Haushalt und US-Renditen über fünf Prozent den Druck erhöhen.
Symbolfoto: ein gedruckter Finanzchart mit Marktdaten.

Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen lag am Freitag, dem 9. Oktober, nach den Zinsstrukturdaten der Deutschen Bundesbank bei 3,50 Prozent. Zu Jahresbeginn hatte sie 2,91 Prozent betragen, am 28. September erreichte sie mit 3,66 Prozent ihren bisherigen Höchststand des Jahres. Die Spanne zwischen den Laufzeiten hat sich dabei verschoben: Zweijährige Bundespapiere rentierten am Freitag mit 3,07 Prozent nach 2,11 Prozent Anfang Januar, dreißigjährige mit 3,84 Prozent nach 3,44 Prozent. Der Anstieg am kurzen Ende folgt den beiden Leitzinserhöhungen der EZB, der am langen Ende hat zusätzliche Ursachen.

Welche das sind, benennt die Europäische Zentralbank in ihrem am 8. Oktober veröffentlichten Sitzungsprotokoll ungewöhnlich deutlich. Die Renditen am langen Ende seien seit der Julisitzung vor allem wegen höherer realer Laufzeitprämien gestiegen, heißt es dort. Anleger verlangen also einen höheren Aufschlag dafür, Kapital über lange Zeiträume zu binden, unabhängig von den erwarteten Leitzinsen. Der Rat hielt fest, dass diese Entwicklung, sofern sie geordnet bleibe, den geldpolitischen Kurs unterstütze und Folgen für die künftig angemessenen Leitzinsen haben könne.

Der deutsche Markt steht dabei nicht allein. Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe notierte zum Wochenschluss nach Angaben des US-Finanzministeriums bei 5,24 Prozent, die dreißigjährige bei 5,60 Prozent; am 5. Oktober hatte die Zehnjährige mit 5,31 Prozent den höchsten Stand des Monats erreicht. Nach den Daten des Finanzministeriums hatte die zehnjährige Rendite die Marke von fünf Prozent am 15. September erstmals in diesem Jahr erreicht; so hoch war sie zuletzt im Oktober 2023 gewesen. Marktteilnehmer verweisen auf Energiepreise, eingepreiste weitere Zinserhöhungen der Fed und die Schuldenquote der USA von mehr als 100 Prozent.

In Europa kommt die Lage Frankreichs hinzu. Der Renditeabstand zehnjähriger französischer Staatsanleihen zu Bundesanleihen weitete sich Anfang Oktober auf rund 140 Basispunkte aus, ein Niveau, das nach Einschätzung der Strategen von Rothschild & Co seit der Eurokrise nicht mehr erreicht worden war. Paris wird sein Defizitziel von fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts für 2026 nicht einhalten und hat es auf 2027 verschoben. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, erklärte laut dpa-AFX Anfang Oktober, die Sorgen gingen über die Inflation hinaus und richteten sich auf die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen.

Für Bundesanleihen wirkt die französische Schwäche zweischneidig. Einerseits fließt Kapital in den sichersten Hafen des Euroraums, was die Renditen deutscher Papiere relativ drückt. Andererseits ist der Bund selbst zum Großemittenten geworden: Für Infrastruktur und Verteidigung begibt die Bundesrepublik in diesem Jahr deutlich mehr Anleihen als früher, was das Angebot am langen Ende erhöht. Die Laufzeitprämie, von der die EZB spricht, ist auch der Preis dafür, dass der Markt dieses Volumen aufnehmen muss.

Für Aktienanleger ist die Verschiebung spürbar. In der vergangenen Woche fiel der Dax am Donnerstag auf den tiefsten Stand seit Juli, als die Renditen stiegen, und erholte sich am Freitag, als sie nachgaben. Auf Wochensicht pendelte die zehnjährige Bundrendite zwischen 3,47 Prozent am Montag und 3,54 Prozent am Donnerstag, eine enge Spanne, die dennoch die Risikoneigung steuerte. Bei 3,50 Prozent für zehn und 3,84 Prozent für dreißig Jahre konkurriert der risikolose Zins ernsthaft mit Dividenden- und Gewinnrenditen.

Die Bundesbankdaten zeigen zugleich, dass die Bewegung in diesem Jahr vor allem am kurzen Ende stattfand. Während die zweijährige Rendite seit Januar um 96 Basispunkte zulegte, stieg die zehnjährige um 59 und die dreißigjährige um 40 Basispunkte. Die Zinskurve ist flacher geworden, bleibt aber positiv geneigt; von einer Inversion wie 2022 und 2023 ist der Markt entfernt. Das entspricht der Lesart der EZB, nach der ein Einlagensatz von 2,50 Prozent noch innerhalb der Spanne des neutralen Zinses liegt.

In den kommenden Tagen stehen mehrere Prüfsteine an. Am Dienstag veröffentlicht Destatis die endgültige deutsche Inflationsrate für September, am Mittwoch folgen die US-Verbraucherpreise, die für die Fed-Sitzung am 27. und 28. Oktober maßgeblich sind. Die EZB entscheidet am 29. Oktober. Am US-Anleihemarkt ruht der Handel am Montag wegen des Feiertags Columbus Day. Für Bundesanleihen bleibt die Frage, ob sich die Rendite nach dem Septemberhoch von 3,66 Prozent um 3,50 Prozent einpendelt oder ob neue Energiepreisschübe die Laufzeitprämie erneut anheben.

Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und ist keine Anlageberatung. Die Zahlen entsprechen den Angaben der genannten Quellen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung.

Mehr zum Thema