Berichtssaison an der Wall Street: Analysten erwarten 29,6 Prozent mehr Gewinn
Die US-Berichtssaison für das dritte Quartal beginnt am Dienstag, dem 13. Oktober, mit den Zahlen von JPMorgan Chase, Goldman Sachs, Citigroup und Wells Fargo; am Mittwoch folgen Bank of America und Morgan Stanley, am Donnerstag der taiwanesische Chipauftragsfertiger TSMC. Für Anleger in Frankfurt fällt der Auftakt in eine Phase, in der der Dax knapp über 25.000 Punkten steht und Energiepreise sowie Anleiherenditen die Richtung vorgeben.
Die Erwartungen sind außergewöhnlich hoch. Nach der Auswertung des Datenanbieters FactSet vom 9. Oktober rechnen Analysten für die Unternehmen im S&P 500 mit einem Gewinnanstieg von 29,6 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal und mit einem Umsatzplus von 12,4 Prozent. Es wäre das dritte Quartal in Folge mit einem Gewinnwachstum von mehr als 25 Prozent. Bemerkenswert ist zudem, dass die Schätzungen im Quartalsverlauf um 1,4 Prozent angehoben wurden, während sie im langjährigen Durchschnitt in diesem Zeitraum um mehr als zwei Prozent sinken.
Getragen wird der Anstieg von wenigen Sektoren. FactSet erwartet für den Energiesektor ein Gewinnplus von 121,1 Prozent, für die Informationstechnologie von 65,1 Prozent, für Kommunikationsdienste von 51,4 Prozent und für Grundstoffe von 28,5 Prozent. Die Energieunternehmen profitieren von den seit dem Nahostkonflikt stark gestiegenen Ölpreisen, die Technologiebranche von den Investitionen in KI-Infrastruktur. Von den 19 bereits berichtenden S&P-500-Unternehmen haben laut FactSet 16 die Gewinnerwartungen übertroffen.
Gerade die KI-Investitionen stehen jedoch seit der Vorwoche unter kritischer Beobachtung. Am 8. Oktober berichtete die Financial Times, OpenAI habe Investoren gegenüber einen annualisierten Umsatz von knapp 50 Milliarden Dollar genannt, rund 20 Milliarden weniger als die zuvor in Medien kursierende Zahl von 70 Milliarden Dollar. Der Nasdaq Composite verlor daraufhin laut CNN 1,25 Prozent, der stärkste Tagesverlust seit Mitte August; Nvidia gab 2,9 Prozent nach, Oracle 5,5 Prozent, Intel 5,3 Prozent. Ross Mayfield von Baird sprach von einem Markt, der sehr eng geworden sei und von den KI-Werten abhänge. OpenAI äußerte sich nicht.
Der Rückschlag griff unmittelbar nach Frankfurt über. Infineon verlor am selben Tag laut dpa-AFX 3,4 Prozent, im MDax fielen Siltronic und Aixtron um je 4,1 Prozent und Elmos um 5,3 Prozent. Eine Woche zuvor hatte Infineon den Dax noch angeführt, als eine Chip-Rally den Nasdaq 100 auf ein Rekordhoch getrieben hatte. Für deutsche Anleger ist die Berichtssaison deshalb vor allem ein Test dafür, ob die Nachfrage nach KI-Infrastruktur die Bewertungen der Zulieferkette trägt. Die TSMC-Zahlen am Donnerstag gelten dabei als wichtigster Gradmesser.
Bei den Banken richten sich die Blicke auf das Zinsergebnis und die Risikovorsorge. Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen von 5,24 Prozent zum Wochenschluss stützen die Erträge aus dem Kreditgeschäft, erhöhen aber den Wettbewerb um Einlagen und belasten Immobilien- und Konsumentenkredite. JPMorgan hatte für Investmentbanking und Handel zuletzt Zuwächse im mittleren bis hohen Zehnprozentbereich in Aussicht gestellt, Bank of America dagegen rückläufige Gebühren im Investmentbanking. Steigende Wertberichtigungen würden als Signal gelesen, dass die Institute mit Belastungen bei den Verbrauchern rechnen.
Trotz der hohen Gewinnerwartungen hat sich die Bewertung des US-Markts zurückgebildet. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des S&P 500 auf Basis der Gewinnschätzungen für die nächsten zwölf Monate lag laut FactSet am 9. Oktober bei 19,1 und damit unter dem Fünfjahresdurchschnitt von 19,8; zum 30. Juni hatte es noch 20,4 betragen. Die Kurse sind also langsamer gestiegen als die Gewinnschätzungen, was die einen als Puffer werten, die anderen als Hinweis, dass der Markt den Schätzungen nicht mehr vollständig traut. Der S&P 500 schloss die Vorwoche bei 7.811,54 Punkten mit einem Wochenplus von 1,2 Prozent.
Parallel liefert die Statistik am Mittwoch die US-Verbraucherpreise für September; Ökonomen rechnen mit einem Anstieg der Jahresrate von zuletzt 3,4 auf rund 3,6 Prozent. Die Fed entscheidet am 27. und 28. Oktober, die EZB am 29. Oktober. In Deutschland beginnt die Berichtssaison mit der Deutschen Börse am 20. Oktober und SAP am 21. Oktober; Ende des Monats folgen unter anderem Airbus, BASF, Deutsche Bank, Mercedes-Benz und Volkswagen. FactSet erwartet für das vierte Quartal ein Gewinnwachstum von 28,0 Prozent und für das Gesamtjahr 2026 von 32,7 Prozent.
Quellen und weiterführende Links
- FactSet – Earnings Insight, 9. Oktober 2026 (PDF)
- dpa-AFX via Ariva – Aktien Frankfurt Schluss: Dax unter 25.000 Punkten – Öl und Anleihen (8. Oktober 2026)
- CNN Business – Tech stocks drop after report that OpenAI's revenue is lower than expected (8. Oktober 2026)
- Traden.de – Börsenwoche 12.–16. Oktober 2026: US-Inflation und Bankenzahlen (11. Oktober 2026)
- Investing.com – Berichtssaison startet: US-Banken am Dienstag, SAP am 21. Oktober (12. Oktober 2026)

